Der deutsche Mittelstand ist in der momentanen Wirtschaftslage sicherlich gebeutelt genug. Nun verschärft sich, wenn man den Zahlen des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung Glauben schenken darf, ein weiterer Krisenfaktor, nämlich das gesamte Feld der Unternehmensnachfolge.
R. Kubla: Dies ist in der Tat so. Und dies kommt auch nicht von ungefähr. In Deutschland wird in den kommenden Jahren in über 350.000 Unternehmen der Generationenwechsel vollzogen. Dabei geht es auch um die Sicherung von hunderttausenden Arbeitsplätzen, die im schlimmsten Fall verloren gehen könnten, falls ein Betrieb seine Geschäftstätigkeit einstellen müsste, da sich kein adäquater Nachfolger gefunden hat. Sie sehen also, dies ist volkswirtschaftlich gesehen eine enorme Veränderung, die enorme Risiken, aber auch Chancen mit sich bringen kann. Und das heißt, dass in punkto Unternehmensweitergabe in Deutschland ein großer Handlungsbedarf besteht.
Wo liegen denn aus Ihrer Sicht die Gefahrenpotenziale? In der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland werden ja nicht das erste Mal die Geschicke eines Unternehmens in die Hände der nächsten Generation gelegt.
R. Kubla: Richtig. Aber hier hat sich in der Vergangenheit viel geändert. Die familieninterne Nachfolge gehört heute nicht mehr zur Alltäglichkeit. Eine Untersuchung Ende 1996 hat gezeigt, dass von 100 Unternehmen nur noch 67 in die zweite Generation übertragen werden, nur noch 27 in die dritte und ganze 6 in die vierte. Viele Erben von mittelständischen Unternehmen sind heute nicht mehr gewillt, das elterliche Geschäft weiterzuführen. Eine aktuelle Hochrechnung des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn zeigt, dass von den übergabereifen rd. 71.000 Familienunternehmen nur knapp 44 % einen familieninternen Nachfolger finden. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass immer der Nachfolgende absagt. In vielen Fällen sind die Kinder der Unternehmensinhaber nicht geeignet, das Unternehmen in die Zukunft zu führen. Dann gilt es einen familienfremden Manager zu finden, der in der Zukunft die Geschicke des Unternehmens leitet.
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Ist die Unternehmensnachfolge heutzutage also ein Generationenproblem?
R. Kubla: Das ist zu einfach ausgedrückt. Unsere Erfahrungen zeigen, dass es vor allem ein sehr komplexes Problem ist, das sich nicht einfach dadurch regeln lässt, dass sich - etwas überspitzt ausgedrückt - der Seniorchef in hohem Alter mit seinem Sohn oder seiner Tochter an den Tisch setzt und ihnen mitteilt, wie er oder sie ab morgen den Betrieb leiten kann.
Welche Vorgehensweise würden Sie empfehlen?
R. Kubla: Zunächst einmal möchte ich deutlich machen, dass die Unternehmensnachfolge Chefsache ist. Das bedeutet nicht unbedingt, dass sich nur der Chef darum kümmern darf, sondern vielmehr, dass sie oberste Priorität haben muss. Unsere Erfahrung zeigt, dass die Nachfolgeregelung im Tagesgeschäft oft in den Hintergrund tritt oder dass sich der eine oder andere nur höchst ungern mit dem Ende seiner beruflichen Laufbahn beschäftigt. Unsere Faustregel, die wir unseren Kunden gegenüber zum Ausdruck bringen, lautet: "Ab 50 nachdenken, mit 55 handeln". Wir empfehlen immer wieder, die Unternehmensnachfolge nicht dem Schicksal zu überlassen, sondern aktiv die Richtung vorzugeben. Eine frühe Auseinandersetzung mit allen Fragen, die sich stellen, ermöglicht später allen Beteiligten eine geregelte und entspanntere Übergabe. Für diesen Prozess benötigt man neben Zeit meist auch eine intensive externe Beratung, wie wir sie unseren Kunden anbieten.
Wenn sich nun ein Seniorchef - um bei diesem Beispiel zu bleiben - dem Thema Unternehmensnachfolge stellt, auf welche Aspekte muss er achten?
R. Kubla: Jeder Seniorchef, aber auch jeder Nachfolger, muss sich darüber im klaren sein, dass eine Unternehmensübergabe eine einmalige Handlung ist. Der Wechsel in der Unternehmensleitung ist nahezu irreversibel. Deshalb empfehlen wir auf Standardkonzepte zu verzichten und nach einer individuellen Lösung zu suchen. Jeder Nachfolgeprozess wird von dem Spannungsverhältnis zwischen Unternehmer, Nachfolger und Unternehmen bestimmt. Der Seniorchef muss sich zunächst darüber klar werden, wer der potentielle Nachfolger ist. Kommt er aus der Familie, ist es ein leitender Angestellter oder ein Fremder?
In einem zweiten Schritt müssen die Vorstellungen aller Beteiligten auf einen Nenner gebracht werden. Der Abgebende muss sich darüber im klaren sein, wie sein Leben nach der Übergabe aussehen soll. Möchte er komplett aussteigen oder dem Unternehmen noch beratend zur Seite stehen? Was macht er mit der Zeit, die er früher dem Betrieb gewidmet hat? Welche Konsequenzen hat die Übergabe auf die Erbfolge? Ist seine Altersversorgung weiter gewährleistet? Und so stellen sich Fragen über Fragen, auf die Antworten gefunden werden müssen. Spätestens hier empfiehlt sich eine professionelle Unterstützung von außen.
Einen ähnlichen Prozess macht auch der Übernehmende durch. Auch er muss sich viele Fragen stellen, über vieles im Vorfeld Klarheit verschaffen. Der Juniorchef muss wissen, dass sein Achtstundentag der Vergangenheit angehört oder dass ihn die Familie nun seltener zu Gesicht bekommen wird. Für das Unternehmen ist es wichtig, dass die guten Mitarbeiter gehalten werden können, dass die Arbeitsplätze sicher bleiben oder dass man sich weiter erfolgreich am Markt positionieren kann.
Wenn die Ziele der Unternehmensnachfolge geklärt sind, stehen vor allem die rechtlichen und steuerlichen Fragen sowie die finanziellen und betriebswirtschaftlichen Fragen im Vordergrund. Ist auch hier Übereinkunft zwischen allen Beteiligten gefunden, kann der Übergabeprozess starten.
Dies klingt alles wirklich sehr komplex. Welche Hilfestellungen bieten Sie als Sparkasse Oberhessen den Unternehmen an?
R. Kubla: Zunächst bieten wir allen Unternehmern, die keinen passenden Nachfolger gefunden haben oder die ein Unternehmen oder eine Beteiligung suchen, an, kostenfrei in die bundesweite Unternehmensbörse Change-Chance aufgenommen zu werden. Mittels Inseraten in anonymer Form lassen sich überregionale Übergeber und Übernehmer finden. Wir halten einen detaillierten Nachfolgefahrplan bereit. Mit diesem Leitfaden können sie systematisch den Übergabeprozess unter Einbindung von Fachleuten durchführen. Natürlich begleiten wir als Moderatoren den Nachfolgeprozess, wobei Übergeber und Übernehmer unsere Kernkompetenzen in Anspruch nehmen können. Neben der Hilfe in Finanzierungsfragen bieten wir dem Nachfolger auch die Unterstützung bei seiner persönlichen, familiären und betrieblichen Absicherung und Vorsorge an. Der Übergeber wiederum, der den Kaufpreis seines Unternehmensverkaufs anlegen möchte, kann auf das Wissen unserer Anlagebetreuer zugreifen.
Roman Kubla, Bereichsdirektor Unternehmenskunden bei der Sparkasse Oberhessen, Kaiserstraße 155, 61169 Friedberg, Telefon 06031 86-570, Mail: roman.kubla@sparkasse-berhessen.de, www.sparkasse-oberhessen.de


