Unternehmenskauf vs. Neugründung

09.08.2010 von  Jens Olbrich

von Jens Olbrich - exact Beratung GmbH, Wetzlar

 

Die Gründung eines neuen Unternehmens bedeutet meist, dass das Unternehmen von „Null“ aufgebaut werden muss. Es existieren keine Kunden, kein bekannter Unternehmensname und keine funktionierenden Organisationsstrukturen. All dies muss neu, quasi auf der viel zitierten „grünen Wiese“ etabliert werden. Dies ist natürlich möglich und wurde in der Vergangenheit bereits tausendfach umgesetzt. Der Aufbau eines neuen Unternehmens verlangt aber Zeit und Geld und ist auch mit nicht unerheblichen Risiko des Scheiterns der Geschäftsidee verbunden.

 

Für Gründer ist es daher eine attraktive Alternative, eine bereits etablierte Firma im Rahmen der Unternehmensnachfolge zu übernehmen. Als Nachfolger kann man auf bestehende Strukturen zurückgreifen und diese weiter ausbauen. Unternehmensorganisation, Produkte, Kunden, Mitarbeiter, Telefonnummer und ein Standort sind bereits vorhanden.  Lange Anlaufphasen und Durststrecken, die bei Neugründungen meist üblich sind, entfallen. Schließlich übernimmt man ein bereits funktionierendes Unternehmen.

Viele Beispiele zeigen, dass erfolgreiche Unternehmen über lange Jahre, ja sogar Generationen überleben können. Dies bedeutet, dass die Unternehmensverantwortung irgendwann übergeben werden kann.  Grundsätzlich können Unternehmensnachfolgen in nahezu jeder Branche umgesetzt werden. Egal ob es sich um ein Einzelhandelsgeschäft, einen Handwerksbetrieb oder ein Produktionsunternehmen handelt.

In folgender Übersicht stellen wir die Vorteile und Nachteile eines Unternehmenskaufs denen einer Neugründung gegenüber.

  • Verkürzung der Anlaufphase: Bei einer Existenzgründung kann es mehrere Jahre dauern, bis das Unternehmen mit seinen Produkten am Markt etabliert ist und relevante Umsätze und Erträge erwirtschaftet werden. Bei einer Betriebsübernahme sind viele Prozesse eingespielt und Umsätze werden von Beginn an getätigt. Dementsprechend ist die Aufbauphase deutlich kürzer.
  • Planungssicherheit: Im Rahmen einer Unternehmensnachfolge liegen die wirtschaftlichen Daten des Altunternehmens in der Regel vor. Hierdurch ist die Planung und Plausibilisierung der zukünftigen Umsätze und Erträge erleichtert. Bei dem Verfassen eines Businessplans kann auf Zahlen der Vergangenheit zurück gegriffen werden. Hierdurch ist das wirtschaftliche Risiko einer Unternehmensnachfolge einfacher einzuschätzen als bei einer Existenzgründung.
  • Eingespielte Prozesse: Mit dem Unternehmen werden eine vorhandene Mitarbeiterstruktur und eingespielte Abläufe und Prozesse übernommen. Diese müssen nicht erst zeitintensiv aufgebaut werden. Im besten Fall existiert auch eine intakte zweite Führungsebene mit funktionierenden Aufgaben- und Vertretungsregelungen. Diese zweite Führungsebene spielt bei einer erfolgreichen Unternehmensübergabe eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Sehr häufig sind bei diesen Mitarbeitern langjährige Kundenkontakte vorhanden und wichtiges Know-How gebunden.
  • Etabliertes Produkt- und Dienstleistungsangebot: Bestehende Unternehmen sind bereits am Markt etabliert. Sie verfügen über fest etablierte Vertriebskanäle und gefestigte Beziehungen zu Kunden und Lieferanten. Diese können im Idealfall vom Käufer mit übernommen werden.
  • Einarbeitung durch Altunternehmer: Häufig steht der Altunternehmer dem Nachfolger in der Übergangsphase beratend zur Seite. In vielen Fällen ist die Begleitung durch den Verkäufer ein fester Vertragsbestandteil. Hierdurch ist ein nahtloser Übergang von den Altinhabern auf die neuen Verantwortlichen gewährleistet und das Risiko des Scheiterns kann reduziert werden.

Diese, zugegebenermaßen gewichtigen Vorteile, die eine Betriebsübernahme gegenüber einer Neugründung hat, sind aber auch mit möglichen Nachteilen verbunden. Die wichtigsten Probleme, bzw. Nachteile sind in folgender Übersicht dargestellt:

  • Höherer Kapitalbedarf: Der wichtigste Nachteil von Betriebsübernahmen ist, dass ein Unternehmenskauf in der Regel bedeutend teurer ist als eine Neugründung. Meist übersteigt der zu zahlende Kaufpreis die Werthaltigkeit der einzelnen Vermögensgegenstände des Unternehmens. Dies liegt daran, dass der Verkäufer auch die immateriellen Vermögensgegenstände, wie z. B. den Kundenstamm an den Nachfolger übergibt und entsprechend vergütet haben möchte. Zwar ist die Neugründung eines Unternehmens mit weniger Kosten verbunden, es besteht aber auch das Risiko, dass in der Anlaufphase viel Lehrgeld zu bezahlen ist, bis eine betriebliche Organisation reibungslos und rentabel funktioniert.
  • Anpassungsbedarf bei Unternehmensstrategie und Marktpositionierung: In Bei einer Unternehmensnachfolge übernimmt der Käufer im Kern ein "fremdes" Unternehmen. Die Unternehmensphilosophie und -kultur des Altunternehmens entspricht meist nur teilweise den Vorstellungen eines Käufers. Der ambitionierte Nachfolger wird entsprechend das Ziel verfolgen, das Unternehmen gemäß seinen Zielsetzungen neu zu positionieren. Die Änderung und Umgestaltung einer langjährig etablierten Unternehmenskultur führt aber häufig zu erheblichen Anpassungsschwierigkeiten und Reibungsverlusten. Dieses Problem fällt bei einer Neugründung vollständig weg. hier kann der Existenzgründer von Anfang an ein Unternehmen gemäß seinen Ideen und Zielen verwirklichen.
  • Beratungsbedarf: In der Regel ist der Beratungsbedarf bei einem Unternehmenskauf größer als bei einer Neugründung. Die rechtliche, steuerliche und wirtschaftliche Komplexität eines Nachfolgevorhabens ist ungleich größer als die einer Existenzgründung. Oft müssen im Nachfolgeprozess Unternehmensberater, Rechtsanwälte und Steuerberater eingebunden werden. Die Kosten hierfür müssen bei der Planung des Vorhabens berücksichtigt werden.
  • Geringere Verantwortung: Der Kapitalbedarf und das finanzielle Risiko ist bei einer Nachfolge meist größer als bei einem Gründungsvorhaben. Dementsprechend ist auch die Verantwortung des Nachfolgers größer. Die Unternehmensnachfolge verlangt vom ersten Tag an die Übernahme der kompletten Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern, Kreditgebern, Kunden und Lieferanten und gegenüber der eigenen finanziellen Zukunft. Im Rahmen einer Neugründung besteht eher die Möglichkeit, das Risiko zu Beginn zu begrenzen und die unternehmerische Verantwortung, z. B. durch die Einstellung von Mitarbeitern erst nach und nach zu erhöhen.
  • Wertrisiko: Bei einer Unternehmensnachfolge wird im Rahmen der Kaufpreiszahlung die Werthaltigkeit der materiellen und immateriellen Vermögensgegenstände vergütet. Unternehmenskäufer tragen entsprechend immer das Risiko, dass z. B. Kundenstamm, Lagerbestände oder Maschinen, die übernommen wurden, weniger wert sind als beim Kauf angenommen. Ebenfalls muss ein Käufer klären, ob und in wie weit er für Risiken aus der Vergangenheit haftet (z. B. Altlasten bei Gebäuden, Gewährleistung, Schadenersatz)

An dieser Stelle möchten wir einen wichtigen Hinweis geben: Die Antwort auf die Frage „Nachfolge“ oder „Neugründung“ kann nie pauschal auf Basis eines vorgegebenen Kriterienkataloges beantwortet werden. Vielmehr ist eine individuelle und vor allem kritische Betrachtung der jeweils relevanten Faktoren notwendig, um auf den jeweiligen Fall bezogen die richtige Entscheidung zu treffen.

 

Das zu kaufende Unternehmen muss intensiv auf den Prüfstand gestellt werden. Vor Übernahme eines Betriebes ist u. a. zu prüfen, ob das Produkt- und Leistungsangebot nicht veraltet ist, ob die Maschinen auf dem neuesten Stand der Technik sind und ob die Mitarbeiter den Übergang auf einen neuen Inhaber akzeptieren.

 

Am wichtigsten ist die Plausibilisierung und Beantwortung der Frage, ob die Kunden nach einer Unternehmensnachfolge auch Kunden des Nachfolgers werden. Häufig ist es gerade bei mittelständischen Unternehmen so, dass die engen Kundenbeziehungen an den persönlichen Kontakten des abgebenden Altunternehmers hängen und deshalb nicht automatisch auf den neuen Firmenkäufer übergehen. Entsprechend können Kunden unter Umständen abwandern wenn ein „Neuer“ die Firma übernimmt.

 

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Person des Nachfolgers. Der Faktor Mensch ist für den Erfolg eines Unternehmens entscheidend. Egal ob Neugründung oder Unternehmensübergabe. Der Unternehmer muss über bestimmte Voraussetzungen verfügen und sowohl persönlich als auch fachlich in der Lage sein, ein Unternehmen in der entsprechenden Branche führen zu können. Eine Unternehmensnachfolge ist grundsätzlich kein Selbstläufer. Kunden und Geschäftspartner beobachten sehr genau, wie sich der „Neue“ verhält und werden sich bei einer Verschlechterung der Geschäftsbeziehungen gegebenenfalls schnell neue Partner suchen.

 

Abschließend möchte ich festhalten, dass die Übernahme eines bestehenden Betriebes eine interessante Alternative zur Unternehmensneugründung ist, und auch die bessere Wahl sein kann. Die Vorteile einer Unternehmensnachfolge entbinden den Nachfolger jedoch nicht von seiner Pflicht, sich kritisch mit seiner und der Situation des Unternehmens auseinanderzusetzen und die jeweiligen Vor- und Nachteile genau gegeneinander abzuwägen.

Kontakt: exact Beratung GmbH, Jens Olbrich, Karl-Kellner-Ring 23, 35576 Wetzlar, www.exact-beratung.de

 

 
 
 
 
 
 

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